Am 5.5. um 19 Uhr
Europa – eine Nomadin mit weiter Sicht

Europäischer Feiertag 2026
Ein Abend mit Matthias Göritz, Volha Hapeyeva, Yael Reuveny und Kinga Tóth. Es moderiert Andreas Unterweger
Lesung, Gespräch, Film, Performance

Europa ist kein fester Ort. Es ist Bewegung, Übergang, Verwandlung. Schon in seinem mythologischen Ursprung ist Europa eine Reisende: eine Frau, die entführt wird, deren Geschichte mit einer Grenzüberschreitung beginnt. Europa entsteht nicht aus Sesshaftigkeit, sondern aus Migration, Exil und Veränderung. Europa hat auch eine andere, oft vergessene Genealogie: die der weiblichen Wissenslinien, der Heilerinnen, der Erzählerinnen, der Hüterinnen von Sprache, Körper und Natur – lange bevor patriarchale und christliche Ordnungssysteme dieses Wissen verdrängten.

In der Gegenwart verstehen wir Europa weniger als politisches oder geografisches Territorium denn als Idee, als einen Ort flüchtiger Identitäten, in dem Zugehörigkeiten nicht festgeschrieben, sondern ständig in Bewegung sind und in der Entstehung begriffen. Europa ist ein Ort der Reisenden, der Nomad:innen, der Vertriebenen und der Suchenden, ein Geflecht von Stimmen, Sprachen und Erfahrungen.

Heute, in einer Zeit, in der Europa erneut von Krieg, Flucht und Exil geprägt ist, bekommt die Frage nach Bewegung, Zugehörigkeit und Identität eine existenzielle Dringlichkeit. Millionen Menschen sind unterwegs – nicht aus Wahl, sondern aus Notwendigkeit. Grenzen werden zu Bruchlinien, Biografien zu Fragmenten. Die Figur der Nomadin, wie sie etwa in Volha Hapeyevas »Wörterbuch einer Nomadin« erscheint, steht dabei für ein neues, zeitgenössisches Subjekt: nicht wurzellos, sondern vielfach verwurzelt; nicht heimatlos, sondern zwischen Sprachen, Orten und Bedeutungen lebend. Die Nomadin ist keine Ausnahme mehr, sondern eine Chiffre unserer Gegenwart. Sie verkörpert eine Identität in Bewegung – verletzlich, offen, widerständig – und erinnert daran, dass Europa vielleicht weniger ein Besitz ist als eine Verantwortung füreinander.

Im Gespräch mit dem Autor und Mitherausgeber der Grazer Literaturzeitschrift manuskripte, Andreas Unterweger, begegnen sich mit Matthias Göritz (USA/Deutschland), Volha Hapeyeva (Belarus/Deutschland), Yael Reuveny (Israel/Deutschland) und Kinga Tóth (Ungarn/Österreich) vier künstlerische Positionen mit vier unterschiedlichen Perspektiven auf Europa. Gemeinsam feiern wir und hören uns an, welche Geschichten sie uns heute erzählt, Europa – die mit der weiten Sicht.

Matthias Göritz »Die Sprache der Sonne«, C.H. Beck 2023
Volha Hapeyeva »Wörterbuch einer Nomadin«, Droschl 2026

Kinga Tóth »MARIA MACHINA«, Gedichte. Matthes & Seitz 2026

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